Ich öffne die Tür und werfe einen Blick in den halbdunklen Raum. Da steht sie, still und reglos, schemenhaft zeichnen sich ihre Umrisse gegen das hereinfallende Dämmerlicht ab. Erhaben wartet sie in der Mitte des Raumes, geduldig schweigend, sie hat lange gewartet, still ausgeharrt. Wie konnte ich sie nur so lange alleine lassen? Ich mache ein paar Schritte auf sie zu, setze mich lautlos vor sie. Vorsichtig lege ich die Hände auf ihren feinen Körper, auf dem sich eine dicke Staubschicht abgelagert hat. Behutsam lehne ich sie an meine Schulter, sanft, beinahe ängstlich berühren meine Finger die dünnen Saiten, ich spüre mein Herz in der Brust schlagen, die Stille dröhnt in meinen Ohren. Ich wage kaum zu atmen, als meine Fingerspitzen leicht über die Saiten gleiten und sie zum klingen bringen. Die süßen Töne schweben in der Luft, breiten sich aus, durchdringen mein Herz. Langsam finden meine Finger ihr Selbstvertrauen wieder, immer noch ein wenig unbeholfen fliegen sie über die Saiten, entlocken ihr wehmütige Harmonien, kitzeln Klänge aus dem großen, eleganten Körper heraus. Sie erinnern sich wieder, die Hände, liebkosend streicheln sie über die Saiten, lassen Töne entstehen und leise verhallen. Wie konnte ich sie nur so lange warten lassen, wie konnte ich auf diese Klänge verzichten, die mein Herz bewegen, wie es kaum etwas anderes vermag. Ich werde mir wieder mehr Zeit für sie nehmen, war sie doch immer für mich da, wenn ich traurig war, wenn mein Herz schwer war. Wenn ich keine Ruhe vor meinen Gedanken fand, mein Geist rastlos und aufgewühlt war, dann war sie eine Zuflucht, beruhigte mein Herz, kühlte meinen hitzigen Kopf, brachte die Gedanken zum schweigen, ich brauchte mich nur zu ihr zu setzen.
Der letzte Akkord erklingt, der Klang fliegt durch die Luft, wie ein leiser Vogel, noch lange hallt er nach. Dann ist es wieder still, doch der Zauber der Töne schwebt noch in dem, nun dunklen, Raum, liegt wie ein seidenes Tuch auf meiner Seele. Ich höre nur meinen eigenen Atem, ruhig und gleichmäßig…wie konnte ich sie nur vergessen!?
Wow!
Jetzt bin ich aber sprachlos.
Ich konnte vom ersten Satz bis zum letzten Akkord komplett mit dir fühlen.
nochmal…wow!
Ich war auch noch voll und ganz vom Klang erfüllt, als ich das hier geschrieben habe und es freut mich sehr, wenn ich dir etwas davon mitgeben konnte
Musik hat einfach einen ganz eigenen, unvergleichbaren Zauber (wobei dazu Sprachmelodien auch in der Lage sind, weswegen ich ja Lyrik so gerne mag^^)
Poesie in jeder Zeile, von Anfang bis Ende. Bin beeindruckt
Danke für das Kompliment
ich fühle mich geehrt!
Ach, Sprache ist eben auch in gewisser Weise eine Form der Musik…:)
Ein schöner Text
Ich kann mit dir fühlen. Ich habe mal sechs Jahre Klavier gespielt. War eine schöne Zeit.
Nach diesem Text hatte ich Lust, dich spielen zu hören
Ganz genau…deswegen mag ich Lyrik auch so gern…
Man merkt dem Text auch an, dass die Melodien und Klänge noch in dir nachhallten…
Gut, dass du es zu „Papier“ gebracht hast
Achja, ich hab das Harfenspiel immer viel zu unkonsequent betrieben, jetzt bereue ich es ein bisschen. Aber für mich reicht es
Aber ich werde wieder öfters spielen, Musik kann einfach so unglaublich viel bewegen!!
Wenn Dir Dein Harfespiel nur halb so gut gelingt wie dieser gefühlvolle Text, der mein altes, vernarbtes Herz sehr anrührte, dann möchte ich Dir dabei gerne stundenlang lauschen …
Ach, schön dass der Herr Geheimrat wieder zurück ist
Freut mich sehr, wenn dich mein Text berührt hat! Vielen Dank für das Kompliment!!
Der Zauber der Töne wirkt durch den ganzen Text hindurch…wunderschön.
LG – Donna