Keine Rose ohne Dornen- oder : Wie die Rose zu ihren Dornen kam
Diese Geschichte ist ein Märchen. Und wie in allen Märchen, steckt auch in ihr ein Funken Wahrheit.
Lange bevor die Menschen sich auf der ganzen Welt verbreitet haben und alles in ihren Besitz gebracht haben, gab es einmal ein Land, das heute nur noch durch ein kleines Schlupfloch in der Welt deiner Gedanken zu erreichen ist.
In diesem Land, herrschte überall Frieden, denn Krieg war noch nicht erfunden worden und die meisten Lebewesen waren allen anderen wohlgesonnen. Das Land war üppig und grün und die fantastischsten Blumen wuchsen dort.
Doch es gab einen Ort, an dem wollte einfach nichts wachsen. Zwischen grünen Hügeln lag eine kahle Talsenke, in der keine einzige Pflanze wuchs, denn kein Wesen wagte es, diesen Ort zu betreten. In der Mitte der Senke stand ein großer knorriger alter Baum, der schon lange abgestorben war. In diesem alten Baum lebte ein Kobold.
Dieser Kobold war kein netter, kleiner Wicht, wie man ihn sich jetzt vielleicht vorstellen mag. Nein, dieser Kobold war einer der alten, bösen, griesgrämigen Kobolde, die einen Hass gegen jedes Lebewesen hegen, sowie auch gegen sich selbst. Unser Kobold lebte schon seit vielen, vielen Jahren allein in diesem Baum, und er duldete es nicht, das irgendetwas außer ihm in dieser Talsenke wohnte, deswegen verbot er allen Pflanzen auf seinem Grund Wurzeln zu schlagen. Er wollte mit nichts und niemandem teilen.
Es begab sich jedoch, dass sich eine kleine Blumenfee verirrte und zufällig über die verdorrte Talsenke flog. Sie erschrak beim Anblick des toten Landstrichs und konnte seinen Anblick nicht ertragen. Deswegen landete sie ein Stück weit neben dem Baum und konzentrierte sich auf die schönste Blume, die sie sich vorstellen konnte. Ein kleiner Spross brach durch den steinigen Boden, wurde größer und größer, Blätter spreizten ihre Arme und die kleine Knospe an dem Ende begann sich langsam zu entfalten. Zum Vorschein kamen rote Blütenblätter, die sich aneinanderschmiegten und so eine prächtige Blüte bildeten.
Zufrieden lächelte die Fee, strich einmal sanft über die Blüte, flüsterte das Wort „Rose“, erhob sich schließlich und flog fort.
Die Rose stand einsam da, in ihrer unberührten Schönheit. Der lange grüne Stiel war ebenmäßig und glatt und streckte sich in elegantem Bogen der Sonne entgegen. An seinem Ende thronte ihr prächtiges Haupt, das von einem tiefen rot war. Von ihren Blüten strömte ein süßlicher Duft aus, der die ganze Talsenke erfüllte.
Dem Kobold, der geschlafen hatte, stieg ein seltsamer, ungewohnter Geruch in die Nase. Er stürmte aus dem Astloch hinaus und wollte den Eindringling vertreiben, doch der Duft der Rose hatte betörende Wirkung auf ihn und nach kurzer Zeit hatte er vergessen, dass er sich hatte aufregen wollen.
Als er die Rose erblickte, war es ihm, als habe er noch nie etwas Schöneres und Anmutigeres gesehen und wahrlich, so war es ja auch, denn er hatte ja stets alles schöne und liebliche verabscheut. Er konnte der strahlenden Schönheit der Rose nicht widerstehen, angezogen von ihrem Duft, näherte er sich der Pflanze, vorsichtig zunächst, als habe er Angst sie könnte plötzlich davonlaufen. Als er merkte, dass die Rose weiterhin regungslos dastand, wagte er es sogar sie zu berühren. Behutsam streichelte er über ihre Blätter, gab ihr Kosenamen, von einem Moment auf den anderen war der Kobold wie neu geboren, der Bann der Rose hatte ihn gefangen.
Von nun an verbrachte der Kobold jede Sekunde bei der Rose, er erzählte ihr Geschichten, machte ihr Komplimente und Geschenke und war glücklich und zufrieden wenn er ihre zarte Schönheit bewundern konnte.
Die Rose antwortete ihm nicht, zu sehr war sie in sich selbst versunken. Sie bedankte sich auch nicht für die Komplimente und Geschenke, sie war glücklich und zufrieden, wenn sie ihre Blätter und Blüte vom Sonnenlicht kitzeln lassen konnte. Sie genoss es, dass der Kobold sie liebte und bewunderte, doch im Grunde ihres Blumenherzens interessierte sie sich eben doch nur für sich selbst.
Anfangs, war der Kobold so blind vor Liebe, dass es ihm gar nicht auffiel, dass er bei all der Liebe die er gab, nichts zurückbekam. Er dachte: „Sie schenkt mir ihre Schönheit und blüht nur für mich allein“. Ihm genügte es, sie anzusehen, es störte ihn nicht, wenn sie ihm nicht antwortete, immerhin hörte sie ihm ununterbrochen zu. Das kann manchmal besser sein, als wenn man immer unterbrochen wird, oder jemand immer seine Kommentare zu etwas abgeben muss. Das dachte der Kobold am Anfang…
Er gestand der Rose tausendfach seine Liebe, er küsste ihre Blüte, doch sie reagierte nicht. Sie stand regungslos da, wunderschön und still und bemerkte sein Bemühen nicht.Das machte den Kobold traurig und allmählich machte es ihn wütend.
Doch da er seine ganze Aufmerksamkeit der Rose geschenkt hatte, war ihm nicht aufgefallen, dass sich allmählich auch andere Pflanzen und sogar einige Tiere in der Senke eingelebt hatten. In dem Baum brütete sogar ein Vogelpärchen. Der Kobold war zunächst außer sich vor Wut, er wollte alle Blumen ausreißen und die Tiere verjagen. Doch dann erkannte er plötzlich, dass die Rose nicht die einzige Blume auf der Welt war. Er erkannte die schlichte Schönheit der Gänseblümchen und das strahlende Gelb des Löwenzahns und ihm wurde warm ums Herz. Es wuchs zwar nichts, was der Rose an Schönheit glich und doch war jedes Lebewesen auf seine Art wunderschön und unübertrefflich.
Dies erkannte der Kobold nun und er war wütend auf die Rose, weil er sich ihr so blind hingegeben hatte. Er verachtete ihre Überheblichkeit und Selbstverliebtheit, mit der sie ihren Kopf ins Licht reckte. So lange hatte er sich ihre Liebe ersehnt und nie hatte sie ihm irgendeine Beachtung geschenkt. Da wurde der Kobold zornig und er verfluchte die Rose: Wenn er sie nicht haben könne, dann solle sie niemals jemand sein Eigen nennen können. An ihrem davor so ebenmäßigen Stiel wuchsen plötzlich große Spitze Dornen, die jedem, der sie berührte tief ins Fleisch stachen. So stand die Rose da, streckte ihren Kopf ins Licht und genoss die Strahlen, die über ihren Blüten steichelten. Doch niemand wagte sich in ihre Nähe, denn die Stacheln ragten bedrohlich hervor. Sie war einsam, von diesem Tage an, alles was ihr geblieben war, war ihre Schönheit. Doch Schönheit wärmt nicht und streichelt nicht und sie unterhält sich auch nicht mit dir.
Der Kobold hatte viel gelernt. Er hatte die Schönheit des Lebens erkannt und bald war seine Talsenke einer der schönsten Gärten des ganzen Landes. Denn der Kobold redete den Pflanzen gut zu, er ermutigte sie noch ein klein wenig mehr zu wachsen, er goss sie, liebkoste sie…
Und jeden Tag saß er vor seiner Rose, er genoss den Anblick ihrer Schönheit und schenkte ihr täglich ein bisschen Gesellschaft.
Als die Blumenfee wiedereinmal über die Talsenke flog, traute sie ihren Augen nicht. Aus dem verdorrten Land war ein Blütenmeer geworden und überall herrschte reges Treiben. Bienen und Hummeln eilten von Blüte zu Blüte, Schmetterlinge und Libellen hatten sich auf den Blumen niedergelassen, Vögelpärchen brüteten in den Zweigen, viele Tiere hatten ein neues Zuhause gefunden und nichts erinnerte mehr an den Toten Landstrich.
Sie landete neben dem knorrigen Baum und ließ sich neben der Rose nieder, der sie hier einst das Leben geschenkt hatte. War sie doch die schönste aller Blumen, war sie doch einsam. Die Fee schloss die Augen und konzentrierte sich von neuem. Einen kurzen Moment später regte sich etwas im Boden und ein neuer Spross brach durch die Erde. Neben der Rose stand nun eine zweite, die ihr auf Blatt und Blüte glich. Und ihr Stiel war bedeckt von großen, drohenden Dornen.
Der Kobold hatte die Vorgänge von seinem Baum aus beobachtet und lächelte zufrieden. Doch irgendwie war ihm beim Anblick der kleinen Fee ganz warm ums Herz geworden und er dachte bei sich, dass die kleine Blumenfee doch bestimmt nichts gegen eine Tasse Tee einzuwenden hätte…
© by johannatindomerel
